
Die ersten fünf Semester meines Theologiestudiums habe ich auf dem mir lieb gewordenen von alters ächzenden Holzgestühl der Uni Würzburg durchlaufen.
Mein sechstes Studiensemester werde ich in den Slums von Nairobi, in Kenia verbringen, um danach mit den neuen
Erfahrungen und Eindrücken mein Studium fortzusetzen.
Der Theo-Logie, dem Wort Gottes, näher zu kommen, bedeutet für mich, Gott bei den Menschen zu finden. War es nicht Jesus, der den Glauben „geerdet“ hat, der selbst auf die Erde kam um ganz nah bei den Menschen zu sein? Dieses „Ja-Sagen“ zu der Welt, dieses heilende Ernstnehmen der Not und des Leids Jesu Christi fasziniert mich.
Ich möchte ein Zeichen setzen für einen Glauben, der dem Leben dient und im wahrsten Sinne des Wortes „hinaus ins Weite führt“ (Ps 18,20). Jesus, der jegliche Engführung verachtete, ist für mich dabei das Vorbild. Er hat nicht nur gesellschaftliche Tabus gebrochen und sich gerade den Unterprivilegierten und Armen angenommen, er hat auch vor einer Einseitigkeit im Glauben gewarnt, die ausschließlich auf die Einhaltung von Geboten beruht und das Leben selbst aus den Augen verliert. Jesus hat gesagt „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)
Um das Leben in Fülle zu finden, heißt es immer wieder neu aufbrechen. Ein Gebet von Andrea Schwarz wird mich bei meinem Aufbruch nach Afrika begleiten:
wenn mir Besitz das Wichtigste ist
werde ich Zeit in Geld umrechnen
statt zu verschenken
was ich habe was ich bin
wenn mir Macht das Wichtigste ist
werde ich mein Handeln in Erfolg umrechnen
statt mich in Dienst nehmen zu lassen
von denen die mich brauchen
wenn mir Sicherheit das Wichtigste ist
werde ich Lebendigkeit in Risiko umrechnen
dort wo Wege verschlossen sind
wenn mir Glück das Wichtigste ist
werde ich Sehnsucht in Verstand umrechnen
statt der Dunkelheit und dem Leid
in mir Raum zu geben
wenn mir Heimat das Wichtigste ist
werde ich den Ruf zum Aufbruch in Unsicherheit umrechnen
statt mich lebendig und neugierig
dem Fremden zu stellen
wenn mir Beziehungen das Wichtigste sind
werde ich Abschied in Traurigkeit umrechnen
statt mich zu lösen
und Neuem Raum zu geben
wenn mir Gewohnheiten das Wichtigste sind
dann werde ich Anfragen in Unbequemlichkeiten umrechnen
statt interessiert das Neue zu probieren
und mich dabei zu erfahren
wenn ich mir das Wichtigste bin
dann werde ich mir selbst im Weg stehen
statt kraftvoll loszugehen
um mich zu finden
wenn mir Gott das Wichtigste ist
dann lasse ich mich
gebe ich mich
lebe

«Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge, um einmal zu schauen wohin man käme, wenn man ginge.»
Kurt Marti

